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Monster

June 1, 2012

Die gleissende Kugel in meiner Brust lässt sich deutlich lokalisieren. Ich bin mir sicher, dass sie da ist. Es zieht sich etwas zusammen, es spannt und dehnt, es brennt und brodelt; es verlangt regelrecht danach, ein feines Zittern, ein leises Summen oder Vibrieren ertasten zu wollen. Als stünde ein Universum aus nie zuvor freigesetzter Energie kurz vor dem Urknall, hier im Zentrum meines Körpers. Das würde Sinn machen und vieles erklären – wo die bisher vermisste Kraft geblieben ist, und hoffentlich auch, in welche Richtung sie mich denn nun endlich treiben wird, nach meiner ausgestandenen halben Ewigkeit im vektorlosen luftleeren All.

Denn ich bin nicht blinde Dunkelheit, ich bin nicht gelähmter Schwebezustand.

Ich bin Licht, Strahlung und Geschwindigkeit. Rauschende Freude.

Das widerhallende Echo meines wellenschlagenden Eigenschubes kann ich schon lange hören – am Felsenstrand von Schottland, über den Wäldern der Anden, durch die afrikanische Prärie – die Erwartung ist überwältigend. Das, das muss es sein, das Leben, das alle anderen wie selbstverständlich längst gefunden zu haben scheinen, und offenbar als überhaupt nicht erwähnenswert erachten…oder vielleicht gar nicht kennen?

Die anderen sind mir inzwischen egal. Ich weiss nur noch, dass ich dieses Leben haben muss. Es ist das Einzige, wofür mein Blut zu strömen beginnt, worin ich irgendeine Anziehung orten kann, wo ich glaube einen Raum und eine Zeit ausmachen zu können, welche einen Inhalt erschaffen. Der Ort, an dem alles zusammenfällt. Der Moment, in dem die Waagschale einen Wert anzeigt.

Ich dürste danach wie ein aus der Gruft gehobener Vampir nach dem ersten Tropfen Blut seit der Vertilgung des letzten Mammuts. Es ist nicht meine Entscheidung; es gibt keinen anderen Weg, und er wird mit mir gegangen werden, ob ich dafür oder dagegen kämpfe oder nicht. Es ist lediglich eine Frage der Zeit: Erreiche ich den Punkt der Berührung heute, morgen, am Tag meines irdischen Todes, oder erst danach?

Ich warte.

Es macht mich wütend, ohne konkrete Perspektive mir selbst überlassen worden zu sein. Auch angesichts unser aller vordefinierten Vergänglichkeit kann ich mich mit der Tatsache, mich noch wer-weiss-wie-lange mit meinem alles regierenden Fragezeichen herumschlagen zu müssen, nur schwer anfreunden. Ist dieses absurde Spiel wirklich nötig, Himmel? Schon gut, ich nehme meine Unterlegenheit ja zur Kenntnis! Aber es dürfte jetzt dann langsam reichen damit, finde ich.

Ich warte weiter.

Noch immer hat sich kein einziges Molekül in mir geregt. Die Temperatur ist zu niedrig, der Gefrierpunkt noch nicht gebrochen. Alles in mir harrt aus wie ein Fossil, in Vollkommenheit konserviert durch eine Eiszeit, deren Ende äusserst ungewiss ist. Nur meine bedeutungslose Hülle wandelt durch die leeren, unwissenden Strassen dieser temporären Stadt.

Ich kann nicht verstehen, warum nichts passiert! Wie ist es möglich, so viel zu fühlen und so wenig zu sehen? Fassbar, greifbar, mit weltlich anerkennbaren Resultaten? Es ist nicht fair. Das Schicksal hat mir etwas Riesiges, Wildes zugeteilt, das mich überfordert, zu gross und gefährlich für mich ist, ich nicht nutzen kann; aber das alles von mir einnimmt, mein Denken konsumiert, mein Handeln diktiert und mich niemals an das ungestört kreisende Tagesgeschehen dieses Planeten zurückzugeben gedenkt.

Was ist dieses Ungeheuer, und wie kann ich es erreichen?

Ich bin zu stark, um mich nicht hinaus in die offenen, bedrohlich unbegrenzten und unerforschten Möglichkeiten zu stürzen. Und ich bin zu schwach, um mich, einmal hinausgestürzt, zuverlässig wiederzufinden und fest auf einem sicheren Pfad zu halten.

Monster, vereine uns! Umarme mich, ermutige mich, leg dein warmes zotteliges Fell um mich und nimm mich bei der Hand, um mit mir einen Fuss vor den anderen zu setzen, damit ich endlich gehen lerne.

Zusammen ist es einfach, klar, wohlig und zuversichtlich.
Alleine ist es furchteinflössend, zweifelnd, einsam und zerrissen.

Ich warte auf dich…auf mich.

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